Zeitreise

Augustin Keller-Strasse – von der Schnapsgläschenparade bis zur mittelalterlichen Richtstätte

Wie in der letzten Zeitreise versprochen, folgen nun weitere Einblicke in die Geschichte der Augustin Keller-Strasse, die bis 1915 den ursprünglichen Namen Niederlenzer Kirchweg trug.

Von Christoph Moser

Bis um die Jahrtausendwende standen das Restaurant «Feldschlösschen» auf der linken und das Restaurant «Warteck» auf der rechten Seite am Anfang der von der Bahnhofstrasse nach Süden verlaufenden Augustin Keller-Strasse. Das Restaurant «Feldschlösschen» mit seinem kleinen Saal war bis 1980 ein auch von den Vereinen geschätztes Wirtshaus. Dann wurde es in ein Dancing umgebaut. Aus Rücksicht auf unser Lenzburger Wahrzeichen, das Schloss, sprach sich der Stadtrat dagegen aus, dieses Etablissement als Dancing «Castle» zu führen. Das bewog die Betreiber dazu, es als «No name» – kein Name – zu bezeichnen. Nach mehreren Betreiberwechseln und dem Abgleiten ins Rotlichtmilieu brannte der Dachstock des Lokals im März 2004 aus. Die Brandruine wurde dann später abgebrochen. An ihre Stelle trat das anfangs 2011 eingeweihte Geschäftshaus «LenzPortal».

Auch das Restaurant «Warteck» fiel 2005 der Spitzhacke zum Opfer. An seiner Stelle befinden sich heute die Buskante E sowie ein Bus-Warteplatz. Überdauert hat lediglich der Brunnen, der über Jahrzehnte hin jeweils vom stadtbekannten ehemaligen Bauamtsmitarbeiter Tori Fuhrer seinen jugendfestlichen Blumenschmuck erhielt.

Das Restaurant «Warteck» 2005, vor seinem Abbruch. Bestehen blieb der Brunnen vor dem Restaurant. Quelle: Fotosammlung Nussbaum

Die Schnapsgläsliparade


Die Hero und die Wisa-Gloria beschäftigten Heerscharen von Arbeitern aus Staufen, die frühmorgens mit dem Velo zur Arbeit fuhren. Für sie stellte der Wirt des «Warteck» in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am frühen Morgen auf dem Fenstersims zur Augustin Keller-Strasse hin eine Reihe von Schnapsgläschen bereit. Die Velofahrer machten einen kurzen Halt, legten einen Batzen hin und kippten schnell ein Gläschen Branntwein, um so ihre Stimmung für die mehr oder minder eintönige Arbeit etwas aufzumuntern.
Wenn wir die Augustin Keller-Strasse nach Süden weiter gehen, kommt links das Gebäude mit der KIND Hörzentrale und der West-Apotheke. Eines der beiden Gebäude, die diesem Neubau 1991 weichen mussten, war die Bäckerei Thomi. In den 1950er- und 1960er-Jahren war der alte Bäcker Thomi eine stadtbekannte Erscheinung: Eine grosse Hutte am Rücken, lieferte er auf einer Vespa fahrend sein Brot an die Kundschaft.

Kochplatten aus Lenzburg


Dort, wo der Parkweg, der Gärtnerweg und die General Herzog-Strasse auf die Augustin Keller-Strasse treffen, befindet sich heute auf der linken Strassenseite das Elektronik-Geschäft «Soundgarden». Hier hatte bis 1965 die Kochplattenfabrik Max Bertschinger AG ihren Sitz. Sie bezog 1965 einen Neubau auf Staufner Boden an der Aarauerstrasse und verlegte ihren Betrieb 1982 nach Villmergen. Ihr Gebäude an der Aarauerstrasse diente zuletzt dem wieder eingestellten Versuchsbetrieb der Migros für einen Abholmarkt und beherbergt nun u.a. ein Billardcenter.

Die bis 1965 von der Kochplattenfabrik Max Bertschinger AG genutzten Gebäude
Quelle: Alfred Willener, Lenzburg als Industriestandort, 1950

Vom kleinen Wolle-Versandgeschäft zum weit herum bekannten Modehaus – die Beyeler AG
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite finden wir heute das Möbelgeschäft Kieser Wohnen GmbH und das Modegeschäft Barbara Wittwer. Diese markante Liegenschaft diente bis 1980 dem Modehaus Beyeler AG, das damals einen Neubau in Staufen bezog. Dieser wurde 2006-2007 zum Lenzo-Park ausgebaut.
1921 hatte Emil Beyeler-Niederhauser in Schafisheim ein einfaches Wolle-Versandgeschäft gegründet, das er zügig zu einem immer grösseren Geschäft entwickelte. Anfangs lieferte er seine Ware mit einem Pferde-Fuhrwerk aus. 1930 erwarb Beyeler den älteren Teil des Geschäftshauses an der Augustin Keller-Strasse und verlegte sein Geschäft nach Lenzburg. Es wurde später durch einen modernen Anbau erweitert. 1949 ging die Geschäftsführung an den Sohn Otto Beyeler über. In der Rathausgasse wurde ein Filialgeschäft eröffnet und in den 1950er-Jahren an den Freischarenplatz verlegt (heute Niederlassung der Aargauischen Kantonalbank). Viele Kunden aus der näheren Umgebung, dem Seetal und dem Freiamt strömten in die beiden Geschäfte der Beyeler AG. Mit seinem Versandhandel erreichte Beyeler einen noch grösseren Kundenkreis und eröffnete auch auswärts Filialen.

Der Anfang einer Erfolgsgeschichte: Pferdefuhrwerk des Wolle-Versandgeschäfts Beyeler
Quelle: Hektor Ammann und weitere, Lenzburg, Kulm, Heimatgeschichte und Wirtschaft, 1947, S. 144

1973 ging der Betrieb an die französische Firma Damart, und 1999 übernahm die deutsche Cornelia Versand GmbH die dreizehn Modegeschäfte, die dann aber nach und nach geschlossen wurde. Im Juni 2015 wurde auch das noch verbliebene Geschäft von Beyeler im Lenzo-Park geschlossen.
Die Marke Beyeler stand lange Zeit für klassische Mode und Miederwaren auch in Grössen für die reife Dame. Busunternehmen chauffierten die Frauen scharenweise von weit her nach Lenzburg. Hier wurde ihnen im Beyeler-eigenen Mode-Café bei Kaffee und Kuchen die aktuelle Kollektion präsentiert. Anschliessend konnten sie sich dem Shopping widmen.

Das Hauptgeschäft der Firma Beyeler AG an der Augustin Keller-Strasse um 1980, vor dem Umzug in den Neubau, der später zum Lenzo-Park erweitert wurde.
Quelle: Lenzburger Neujahrsblätter 2016, S. 72

Mittelalterliche Richtstätte


Lenzburg kannte drei historische Richtstätten: Die bekannteste lag bei den Fünf Linden. Dort fand 1854 die letzte öffentliche Hinrichtung im Kanton Aargau statt, jene des Erzgauners und Ausbrecherkönigs Bernhart Matter. Eine weitere Richtstätte lag an der Landstrasse nach Othmarsingen, in der Nähe des Gexi. Die dritte in den historischen Quellen erwähnte Richtstätte lag an der Kreuzung des einstigen Niederlenzer Kirchweges mit der Aarauerstrasse. Hier sollen vor allem Hinrichtungen durch Enthauptung mit dem Schwert stattgefunden haben. Und tatsächlich hat man nun im Jahre 2007 bei Umgebungsarbeiten einer Wohnüberbauung an der Aarauerstrasse Skelette entdeckt. Die Untersuchung durch die Archäologen zeigte, dass hier nahe beieinander mehrere Skelette begraben waren. Auffällig war, dass bei allen der Kopf nicht mehr an seiner angestammten Stelle lag, sondern irgendwo auf dem Körper oder zu dessen Füssen. Das war nun der Beweis dafür, dass es sich um an der nahen Richtstätte Enthauptete handelte. Diese wurden nämlich nicht auf einem Friedhof, sondern in der Nähe der Richtstätte bestattet. Die oben erwähnte Kreuzung liegt nur knapp 200 m westlich des Fundortes der Skelette. Dank der bei einem der Skelette gefundenen Münze, eines Berner Hallers, konnte das Grab auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert werden. Die Archäologen gehen davon aus, dass in den westlich anstossenden Parzellen weitere Skelette liegen.

Eines der ausgegrabenen Skelette bei der Liegenschaft Aarauerstrasse 8, man beachte den neben dem Skelett liegenden Schädel. Quelle: Lenzburger Neujahrsblätter 2010, S. 76

Weiteres zur Geschichte des Niederlenzer Kirchwegs und seines südlichen Teils, der Augustin Keller-Strasse, finden Sie in den Zeitreisen vom Januar und Februar.
Wer sich für die Geschichte der Firma Beyeler AG interessiert, dem sei der Artikel von Werner Hausmann in den Lenzburger Neujahrsblättern 2016, Seiten 69-73, empfohlen. Näheres zu den Ausgrabungen bei der Richtstätte am Niederlenzer Kirchweg findet sich in den Lenzburger Neujahrsblättern 2010, Seiten 73-86.
Titelbild: Das ehemalige Restaurant «Feldschlösschen» 1980 vor dem Umbau zum Dancing.
Quelle: Fotosammlung Nussbaum, Stiftung Museum Burghalde