Leseecke

Ein Mosaik der Erinnerung – zwischen Familiengeschichte und Zeitgeschehen

Mit Emmas Zeit legen die Waadtländer Illustratorin Fanny Vaucher und der Genfer Historiker und Autor Éric Burnand eine Graphic Novel vor, die eindrucksvoll zeigt, wie eng persönliche Schicksale und gesellschaftliche Umbrüche miteinander verwoben sind.

Von Anja Meyer

Die Geschichte begleitet Emma, eine Frau aus dem Jurabogen, durch die bewegten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Anhand ihrer fiktiven Lebensgeschichte beleuchtet das Buch zentrale historische Meilensteine der Schweiz. Die Erzählung beginnt mit dem Landesstreik von 1918 und führt über die Bedrohung durch den Nationalsozialismus, die Herausforderungen der italienischen Einwanderung und die Frauenbewegung bis hin zum Fichenskandal der späten 1980er-Jahre.
Besonders überzeugend ist der erzählerische Ansatz des Werks. Statt historische Ereignisse sachlich nachzuerzählen, lassen Vaucher und Burnand die Geschichte durch die Augen einer glaubwürdigen Hauptfigur erfahrbar werden. Emmas Leben entfaltet sich Stück für Stück wie ein emotionales Mosaik aus Erinnerungen, Begegnungen und Beobachtungen. Sie ist eine Frau, die ihren Platz in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft sucht. Dadurch entsteht eine grosse emotionale Nähe zur Figur und ihrer Zeit.
Die Zeichnungen von Fanny Vaucher sind klar, präzise und ausdrucksstark. Sie verleihen den historischen Szenen Leben, ohne in Nostalgie zu verfallen. Vielmehr gelingt es der Künstlerin, sowohl die Hoffnungen als auch die Konflikte der jeweiligen Epoche sichtbar zu machen.
Emmas Zeit ist weit mehr als eine Familiengeschichte. Die Graphic Novel eröffnet einen lebendigen Zugang zur Schweizer Geschichte und regt dazu an, über gesellschaftliche Entwicklungen, politische Verantwortung und die Rolle der Frauen nachzudenken. Das Buch ist anspruchsvolle grafische Literatur mit Tiefgang – eine ebenso lehrreiche wie berührende Entdeckung.

Das Buch kann in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden.
Emmas Zeit. Eine schweizer Familiengeschichte im 20. Jahrhundert / Fanny Vaucher und Éric Burnand. Edition Moderne, Zürich 2026.