Zeitreise

Vom ältesten Fabrikgebäude Lenzburgs zum modernen Mehrfamilienhaus

Zur Geschichte der alten Nagli.

Von Christoph Moser

Fährt man von Niederlenz Richtung Lenzburg, so sticht einem beim Autobahnviadukt rechts der Strasse ein längliches, parallel zum Autobahnviadukt verlaufendes Gebäude in die Augen. Den zunächst der Strasse liegenden, quer zum Gebäude stehenden Giebel zierte ein kleines Glockentürmchen. Nun fehlt es seit geraumer Zeit, und das alte Gemäuer ist zu einer grossen Baustelle geworden. Denn aus dem ältesten ehemaligen Fabrikgebäude Lenzburgs, der alten Nagli, wird nun ein Wohnhaus mit modernen, komfortablen Wohnungen. Das Glockentürmchen wird derzeit restauriert und zum Abschluss der Bauarbeiten wieder auf dem Dach montiert. In dieser «Zeitreise» wollen wir auf die bewegte Geschichte dieses rund 200 Jahre alten Gebäudes zurückblicken.

Bild: Detailaufnahme des Glockentürmchens auf der alten Nagli, 1967. Quelle: Museum Burghalde Lenzburg, Sammlung Nussbaum, GDE-030

Der Bau einer mechanischen Werkstätte mit Wasserwerk


Laut dem Brandassekuranz-Kataster der Gemeinde Lenzburg der Jahre 1829-1843 liess Johann Rudolf Eberhard-Angliker in der Engelmatte ein zweistöckiges Wohn- und Betriebsgebäude, die Hälfte eines rechtwinkligen Vierecks bildend, errichten. Es wurde von der Brandversicherung 1831 geschätzt. Mit Schätzungsjahr 1832 sind im erwähnten Brandassekuranz-Kataster des Weiteren verzeichnet ein Werkstattgebäude samt Radhaus (Wasserwerk) sowie 1836 ein neues «Angebäude», d.h. der nach Westen an das Radhaus und das obenerwähnte halbe Viereck anschliessende längliche Gebäudetrakt. Diese Gebäudesituation ist im Plan des Wasserwerks Nr. 522 gut zu erkennen: Der mit «Fabrik» bezeichnete Gebäudeteil ist das halbe Viereck von 1831, der mit «Maschinenhaus» bezeichnete Trakt ist der auf der Westseite anschliessende Anbau von 1836.

Bild: Situationsplan des Wasserwerks Nr. 522 aus dem Jahre 1907. Quelle: Alfred Willener, Lenzburg als Industriestandort, 1950, Plan Nr. 15

Für dieses Wasserwerk erhielt Eberhard vom Regierungsrat des Kantons Aargau am 13. April 1832 eine Radrechtskonzession zur Betreibung einer mechanischen Werkstätte.
Johann Rudolf Eberhard (1793-1851) war der Grossvater mütterlicherseits des bekannten Lenzburger Baumeisters Theodor Bertschinger-von Greyerz (1845-1911), und dieser hat in seinen Memoiren Folgendes festgehalten: «Eine grosse Zeit meiner Jugend brachte ich in der Engelmatte zu, der Heimat meiner Mutter. Grossvater betrieb dort eine mechanische Fabrik, und es war besonders das Getriebe und Arbeiten in jenem Geschäft, was mir so sehr gefiel und mich schon früh mit einer gewissen Abneigung gegen den Kaufmannsberuf erfüllte, ich wünschte Mechaniker zu werden. Leider ging das Geschäft in der Engelmatte nach dem Tod des Grossvaters rückwärts und musste im Jahr 1857 verkauft werden.»

Die Fabrikgebäude in der Engelmatte kommen zur Spinnerei der Gebrüder Hünerwadel in Niederlenz


Auf dem etwas unterhalb der Engelmatte in Niederlenz liegenden Areal der späteren Schweizerischen Leinen-Industrie AG Niederlenz (diese wurde später zur Arova und dann zur Hetex und 1995 stillgelegt; das Areal und die stehen gebliebenen Gebäude werden heute als «Hetex-Areal» vermarktet), betrieb die vom Lenzburger Bleicheherren Gottlieb Hünerwadel 1810 gegründete Firma der Herren Hünerwadel & Cie. eine Baumwollspinnerei und Weberei. Diese erwarb 1858 die Gebäude in den Engelmatten und nutzte sie fortan für ihre Zwecke.
Die Firma Hünerwadel in Niederlenz kam – wie die Bleicherei in Lenzburg – gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der grosse Industriekomplex in Niederlenz samt der unmittelbar südlich der Gemeindegrenze auf Lenzburger Boden liegenden Liegenschaft Engelmatte gelangte im Konkurse der letzten Eigentümerin, der Witwe Lina Hünerwadel-Diebold, am 14. November 1894 an die Aargauische Kreditanstalt in Aarau.

Die Brüder Emil und Friedrich Hilfiker errichten eine Stiften- bzw. Nagelfabrik


Noch im November 1894 wurden die Gebäude in der Engelmatte Eigentum des 1864 geborenen Fabrikanten Emil Hilfiker. Dieser starb kinderlos, so dass die Liegenschaft an seine Mutter, Witwe Verena Hilfiker-Hürzeler, und nach deren Tod 1900 an den Schwiegersohn Gottlieb Wullschleger-Hilfiker, Genf, gelangte. Erst durch Pfandsteigerungskauf vom 7. August 1901 gelangte das Anwesen an Friedrich Hilfiker (1859-1935). Wie der nachmalige Name «alte Nagli» zeigt, betrieben Emil und nach ihm Friedrich Hilfiker in der Engelmatte eine Stiften- bzw. Nagelfabrik.
Da sie für ihr Gewerbe nur einen Teil der Gebäulichkeiten benötigten, dienten diese noch anderen industriellen Nutzungen. Bevor sie 1912 ihren ersten grösseren Fabrikneubau beziehen konnte, mietete die Kinderwagenfabrik Wisa-Gloria ab 1906 mehrere Räume in der alten Nagli für die Lagerung von Fertigprodukten und einen grossen Saal für die Kinderwagen-Korbfabrikation. Die Verpackungsfirma Langenbach AG betrieb von 1905 bis 1915 in einem Teil der Gebäude die neu eröffnete Abteilung für Wellkarton, die nachher in den grossen Neubau beim Bahnhof Lenzburg verlegt wurde (heute Coop-Center 2000 plus).
Die Nagelfabrik hat sich wohl nie so richtig entwickelt, und der Tod von Friedrich Hilfiker hat nach 1935 das Ende des Unternehmens bedeutet.

Die alte Nagli kommt wieder zurück in den grossen Industriebetrieb der Schweizerischen Leinen-Industrie


Die Liegenschaft wechselte nun noch zweimal die Hand und wurde schliesslich von der Schweizerischen Leinen-Industrie Niederlenz erworben. Der Regierungsrat des Kantons Aargau übertrug das Wasserrecht in der alten Nagli am 4. Juli 1941 auf die Schweizerische Leinen-Industrie AG. Diese liess es löschen und vereinigte das Recht mit ihrem damals erneuerten und ausgebauten Wasserwerk Nr. 538. Die Anlagen des Wasserwerks in der alten Nagli wurden abgebrochen, der zur und von der Anlage wegführende Kanal wurde zugeschüttet.
Bei den Aushubarbeiten für den Umbau der Liegenschaft kam im Februar 2024 das Gewölbe des vom Wasserwerk wegführenden Kanals zum Vorschein.

Bild: Das bei den Aushubarbeiten zum Vorschein gekommene Gewölbe des unter dem Gebäude hindurchführenden Kanals, Aufnahme vom Februar 2024. Quelle: Foto CM

Die neue Eigentümerin nutzte das Gebäude der alten Nagli nun nicht mehr für industrielle Zwecke, sondern reichte 1943 und 1945 Baugesuche für die Gebäudesanierung und den Umbau zu Wohnungen ein.

Die Italiener kommen


Nach dem zweiten Weltkrieg beschäftigte die Schweizerische Leinen-Industrie AG in rasch steigender Zahl Saisonarbeiterinnen und -arbeiter aus Italien. Die alte Nagli war ihre Unterkunft. Auch Saison-Arbeitskräfte der Lenzburger Confitürenfabrik Hero waren hier untergebracht. 1970 wurden auf der Nordseite, auf dem Niederlenzer Gemeindegebiet, zur Ergänzung noch Baracken errichtet, um mehr Gastarbeiter unterbringen zu können.
Diese Baracken sind schon lange wieder verschwunden, und auch die Nutzung der alten Nagli als Unterkunft für die Saisonniers ist längst Geschichte. Denn die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert. Ausländische Arbeitskräfte können heute mit ihrer Familie zusammenleben und verfügen in der Regel über eine Jahresaufenthaltsbewilligung oder eine Niederlassungsbewilligung. Sie müssen ihr Leben nicht mehr in Kollektiv-Unterkünften fristen, sondern leben als Mieter:innen oder Eigentümer:innen in einer Wohnung oder in einem Einfamilienhaus.
Wer sich näher für die Geschichte der Saisonniers interessiert, dem sei die Lektüre der «Zeitreise» vom August 2020 empfohlen «Als die Italiener kamen». In Band I der «Zeitreisen», der am 27. April 2025 erschienen ist, findet man den Text ab Seite 48.

Die alte Nagli wird von der Autobahn «überfahren»


Lange Zeit breiteten sich sowohl südlich als auch nördlich der alten Nagli ausgedehnte Wiesen aus. Das Gebäude erfreute sich in der an sich freien Landschaft einer dominanten Stellung. Allerdings rückten ihm von Norden her die Industriebauten der Schweizerischen Leinen-Industrie AG allmählich immer näher auf den Leib, so z.B. der 1951 erbaute und 1961 erweiterte Shed-Bau der Färberei. Dieses Gebäude dient seit dem Erwerb des Areals durch die Max Fischer AG diesem Bauunternehmen als Werkhof.
Diese freie Lage änderte sich jäh, als 1964 der Aabachtal-Viadukt des 1966 eröffneten ersten Abschnitts der A1 zwischen den Anschlüssen Aarau Ost und Lenzburg errichtet wurde. Das Gebäude lag nun fortan gewissermassen «im Schatten» dieses grossen Bauwerks. Nur dank seiner Lage südlich des Autobahnviadukts wird es immer noch von der Sonne beschienen.

Bild: Die alte Nagli vor dem im Bau stehenden Aabachtal-Viadukt; am linken Bildrand erkennt man den Shed-Bau der Färberei der SLI; Aufnahme von 1964. Quelle: 725 Jahre Niederlenz, Das Buch zum Jubiläumsjahr, Ortsbürgergemeinde Niederlenz (Hg.), 2016, Seite 35

Glocke und Glocken-Türmli


Das Glockentürmli gehörte nicht von Anfang an zum Bau. Wie wir auf Grund verschiedener Grundstücksbeschreibungen in den Fertigungsprotokollen des Stadtrats Lenzburg (Vorgänger des heutigen Grundbuchs) und in den Brandassekuranz-Katastern schliessen können, wurde das Türmchen mit der Glocke wohl erst montiert, als die Gebäude der Firma Hünerwadel gehörten. Diese hat die Gebäude in der Engelmatte 1858 erworben. Im Brandkataster 1877 ist beim Gebäude Nr. 586 ein Türmchen erwähnt, also war es spätestens damals vorhanden. Aus einem Eintrag im Fertigungsprotokoll Nr. 19 vom 14. Mai 1880 wissen wir, dass dieses Gebäude als Aufseherwohnung und Hasplerei genutzt wurde. Damit ist auch klar, wieso das Glockentürmchen auf diesem Gebäudeteil steht: Hier wohnte der Aufseher, und der kündigte mit dem Läuten des Glöckleins Beginn und Ende der Arbeit an. Wir können also davon ausgehen, dass das Glockentürmchen zwischen 1858 und 1877 angebracht worden ist.
Die Glocke ist indes älter. Sie wurde gemäss Inschrift 1820 gegossen und muss vorher entweder auf einem anderen Gebäude des hünerwadelschen Betriebes in Niederlenz oder aber an einem ganz anderen Ort gedient haben.
Titelbild: Die alte Nagli nach Beginn der Bauarbeiten im Februar 2024, aufgenommen von der Niederlenzerstrasse her. Quelle: Foto CM