Kuriositätenkabinett, Stadtgespräch

Essbar. Geniessbar. Giftig! Tödlich!

Die Pilztafeln des Lenzburger Malers Hans Walty (1868–1948) sind zugleich Wissensfundus und Augenweide. Eine Ausstellung des Museums Burghalde in Kooperation mit der Schweizerischen Nationalbibliothek zeigt sie in ihrer ganzen Pracht.

Von Lisa Oberli, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Graphische Sammlung, Schweizerische Nationalbibliothek

«Leichtest zu erkennen»: Mit diesen Worten beginnt Hans Walty seine Beschreibung des zinnoberroten, weiss oder gelblich bewarzten «Amanita muscaria» und ergänzt weiter unten: «Der Genuss des Fliegenpilzes erzeugt rauschähnliche Symptome». Ob Hans Walty sich bei seiner Darstellung des «Roten Fliegenpilzes» auf Erfahrungs- oder auf Bücherwissen bezog, ist aus zeitlicher Distanz kaum mehr zu erkennen. Fest steht heute nur, dass er in Bezug auf die Schweizerische Pilzflora von beidem reichlich besass. Seine Beschlagenheit in Pilzfragen erarbeitete sich Walty auf Streifzügen durch Feld, Wald und Wiese, mit Hilfe einer 116-bändigen Pilzbibliothek und im stetigen Austausch mit gleichgesinnten Pilzfreundinnen und Pilzfreunden. Gegenwärtig sind Waltys Original-Pilztafeln, darunter der Fliegenpilz, in einer Ausstellung im Museum Burghalde in Lenzburg zu bestaunen (siehe Titelbild).

Pilze in der Bibliothek


«Zahlreiche Besucher auch von auswärts» bescherte die Ausstellung von Hans Waltys Pilztafeln im Dezember 1953 auch der damaligen Schweizerischen Landesbibliothek, wie in deren Berichtsjahren 1953/54 nachzulesen ist. Neben ausgesprochenen Bücherwürmern lockte die «Pilzschau» in der Bibliothek auch Pilzliebhaberinnen und Pilzliebhabern aus der gesamten Schweiz an. Deren offizielles Fachorgan, die «Schweizerische Zeitschrift für Pilzkunde», hatte im letzten Heft des Jahres den euphorischen Ausstellungshinweis gegeben, die gemalten Tafeln gehörten in ihrer Naturnähe «sowohl nach künstlerischen wie wissenschaftlichen Anforderungen zum Besten […], das überhaupt existiert». Doch wie gelangten die Pilze in die Bibliothek und welche Geschichte erzählen sie uns heute?

Bereits in einer schriftlichen Notiz vom 6. Juni 1945 vermachte Hans Walty sein «Pilztafelwerk» der Schweizerischen Landesbibliothek. Zwei Schatullen, darin 382 prachtvolle Pilztafeln mit Aquarell- und Bleistiftzeichnungen von über 500 verschiedenen Pilzarten, wurden seinem Wunsch entsprechend 1948 an die Bibliothek übergeben. Die Tafeln bringen Pilzarten verschiedener Gattungen (Amanita, Boletus, Polyporus, Psalliota, Russula) in äusserster Sorgfalt und mit grossem Detailreichtum zur Anschauung und überliefern damit wertvolles Pilzwissen bis in die Gegenwart. Zur Schenkung gehörten auch zahlreiche Manuskripte aus Waltys Hand, in denen er jeden aufgeführten Pilz auch mykologisch eingehend beschreibt. Zwischen 1913 und 1944 und damit in über dreissig Lebensjahren hat Walty in unermüdlicher und gewissenhafter Arbeit einen naturkundlichen Schatz zusammengetragen.

Dokumente aus dem Archiv Hans Walty in der Schweizerischen Nationalbibliothek (Foto: NB, Simon Schmid)

Mit Pinsel, Palette und spitzer Feder


Unter Pilzsammlerinnen und Pilzkundlern war der naturforschende Kunstmaler in der Mitte des 20. Jahrhunderts hochgeschätzt. Dazu trug sein publizistischer Eifer bei. Einzelne Pilzbilder Waltys waren bereits 1923 gemeinsam mit dem «Verein für Pilzkunde Bern» verlegt worden. In den Jahren 1944–47 wurden Ausschnitte aus seinen Originaltafeln in drei vom «Verband schweizerische Vereine für Pilzkunde» herausgegebenen Bändchen unter dem Titel «Schweizer Pilztafeln für den praktischen Sammler» veröffentlicht. In zahlreichen Beiträgen in der «Schweizerischen Zeitschrift für Pilzkunde» beschrieb Walty kennerschaftlich und detailliert seine mykologischen Funde. Von langer Hand geplant war ein umfassender «Pilzatlas», für dessen Zustandekommen die erwähnte Zeitschrift 1930 ihre Leserschaft eigens zur «Sendung frischer Pilze an Herrn Hans Walty, Kunstmaler, Lenzburg» aufrief. Die Einsendung besonders schöner Exemplare ausgewählter Pilzarten sollte der Vollendung seines Gesamtwerks dienen. Nach dieser Lesart ist Pilzwissen eben auch Gemeinschaftswissen, das in einer Community, einem sozialen Netzwerk entsteht. Zu einer Herausgabe des Opus magnum kam es gleichwohl nie und Waltys eigentliches Pilztafelwerk blieb zeitlebens und auch nach seinem Tod unveröffentlicht. Auch in der Bibliothek schlummerte das unvollendete Werk lange Zeit im Verborgenen. Bis heute! In den vergangenen Jahren wurde das Archiv in der Schweizerischen Nationalbibliothek sorgfältig aufgearbeitet und digitalisiert. Die hochwertigen Bildtafeln stehen auf Wikimedia Commons, der freien Mediensammlung, zum kostenlosen Download zur Verfügung. Über sechzig weitere Bildtafeln befinden sich in der Kantonsbibliothek Graubünden.

Die Ausstellung Herausragende Pilze kann noch bis am 26. November 2023 im Musem Burghalde besucht werden.

Am Samstag, 4. November 2023, 14.30 Uhr, gibt es eine Führung mit Museumsleiter Dr. Marc Philip Seidel.

Weitere Informationen

Category: CH-NB-Hans Walty: Pilztafelwerk – Wikimedia Commons

Die Pilztafeln von Hans Walty – vom Augenschmaus zum Gaumenschmaus (admin.ch)

Pilztafeln und Archiv Hans Walty (admin.ch)

GS-WALTY Walty, Hans: Archiv Hans Walty, 1920 (ca.)-1948 (Bestand) (helveticarchives.ch)
Titelbild: Fliegenpilz, Amanita muscaria (Foto: NB, Simon Schmid)